DereL / w.marin

gegen/über/malungen

                                                 Aus.Sicht

prometheus I                           

(promethée enchainé)                          

                                         Gegen.Über

prometheus II                           

(promethée enchainé)                           

                                           Not.Aus.Gang

prometheus IV                           

(promethée enchainé)                           


 Digitale Einzeichnungen

 

Mit dem Aufkommen der digitalen Fotografie hatte ich eigentlich die rechte Lust am Fotografieren verloren, da mir das Handwerkliche, Materielle fehlte. Mit der fast grenzenlosen immateriellen Speicherbarkeit von Fotos ließ bei mir die Sorgfalt nach. Mit Photoshop und seinen unendlichen Möglichkeiten der Bildoptimierung konnte ich mich auch nicht so richtig anfreunden. Irgendwie empfinde ich subjektiv eine Unwirklichkeit der von mir gemachten digitalen Fotos, die bei mir auch eine innere Distanz schafft.

 

David Hockney´s Fotokollagen gaben mir zunächst eine erweiterte Sicht auf den Umgang mit Fotografie. Seine iPhone- und iPad-Zeichnungen gaben mir dann eine Idee davon, was für mich digital noch möglich sein könnte. Mal mit dem Neuen experimentieren, nicht wie bei der analogen Fotografie noch weiter optimieren, sondern machen, was so für mich bisher nicht möglich war. Aber, keep it simple. Das digitale Einzeichnen in Fotos ist da ein Weg, der der Idee des Übermalens von Fotos folgt.

 

Der etwas zittrige Strich, auch wenn er digital erstellt wurde, gibt dem Digitalen wieder etwas Individuelles, Persönliches, Identität. Zugleich stelle ich mir die Frage nach der Wirklichkeit. Ist das digitale fotografische Bild des Apparates wirklichkeitsgetreu, objektiv und damit wahr oder komme ich der Wahrheit und Wirklichkeit durch meine zeichnerischen Eingriffe, bestimmt u. a. durch meine subjektiven Empfindungen, meinem (Teil-)Wissen, meinen technischen (Un-)Fertigkeiten, näher? 

 

Die gezeigten drei Fotos entstanden auf einer Station für Krebspatienten mit Isolierzimmern. Ein äußerlich kühler, stiller, sachlicher, funktioneller Ort, für den, der sich dort aufhält, emotional aufgeladen mit Zuwendung, Hoffen und Bangen.

 

Bei einem der Aufenthalte saß ich längere Zeit allein im Aufenthaltsraum für Besucher und Patienten, die nicht isoliert sind. Ich habe nur drei Fotos mit meinem Handy gemacht, ohne was am Ort verändert zu haben. Zuhause habe ich am Bildschirm mehr intuitiv mit Einzeichnungen begonnen. Kühles Blau, tristes Grau, helles Weiß, frisches Grün. Die Einzeichnungen schaffen Gebilde im Raum, umgrenzen Formen und Flächen, durchstreichen Flächen.

 

Die Titel habe ich semantisch aufgelöst. Die Bedeutungen der einzelnen Wortteile sollen sich assoziativ verselbständigen.

 

Als Beispiele (frei nach google):

 

Aussicht

 

Blick ins Freie, in die Ferne; bestimmte Erwartung, Hoffnung, Chance; sich für die Zukunft zeigende positive Möglichkeit.

  

Aus

 Vorbei, Schluss, zu Ende; erloschen, nicht mehr brennend, ausgeschaltet.

 Sicht

Betrachtungsweise, Sehweise, Anschauungsweise; Möglichkeit, [in die Ferne] zu sehen.

 

Gegenüber

 Auf der entgegengesetzten Seite; gegen; im Vergleich zu.

 

Gegen

 In entgegengesetzter Richtung; bestimmtes [gegeneinandergerichtetes] Agieren von Personen, Gruppen miteinander; Angabe eines ungefähren Zeitpunktes, der unter- oder überschritten werden kann.

 

Über

 Die Lage in der Höhe und in bestimmtem Abstand von der oberen Seite von jemandem; eine Lage auf der andern Seite von etwas; Ablauf einer Frist; ein Abhängigkeitsverhältnis.

 

Notausgang

 Zusätzlicher Rettungsausgang, der bei Gefahr, Feuer o. Ä. benutzt werden kann.

 

Not

 Besonders schlimme Lage, in der jemand dringend Hilfe braucht; durch ein Gefühl von Ausweglosigkeit, durch Verzweiflung, Angst gekennzeichneter seelischer Zustand, unter dem der davon Betroffene sehr leidet; äußerer Zwang, Notwendigkeit, Unvermeidlichkeit.

 

Aus

 Vorbei, Schluss, zu Ende; erloschen, nicht mehr brennend, ausgeschaltet.

 

Gang

 Hausflur; Ablauf, Verlauf, den etwas nimmt; das Gehen einer Strecke [mit einem bestimmten Ziel].

 

(DereL, 22.05.2020)

 

über-malen

 

Ob man ray seine oder andere fotos übermalen hat, weiß ich nicht.

Ich weiß auch nicht, seit wann genau sich künstler ernsthaft damit beschäftigen, fotos zu übermalen.

Vielleicht hat das alles in den 1950-er jahren angefangen, als man einmal mehr die kunst von ihrem hohen sockel holen wollte.

 

Was sollte einen künstler, zumal maler, dazu veranlassen, fotos zu übermalen?
dass maler auch fotografieren, kommt öfter vor. Oder dass fotografen nicht nur mit der kamera malen. In beiden fällen wird es neugier sein, lust sich in einem anderen genre mit anderen regeln auszuprobieren. Aber fotos zu übermalen ist dann wieder eine andere geschichte.

 

Ich finde es zunächst einmal spannend, strukturen eines fotos: steine, natur/ formenelemente und anderes zu verdecken. Auszulöschen, auszuradieren, zu überdecken und gleichzeitig andere und neue strukturen und elemente zu schaffen. Meistens ist das schon im ausgangsfoto angelegt. ich sehe bestimmte formen oder strukturen oder gestalten- andere nicht. ich übermale die einen, verstärke die andern. Ein ständiger prozess der zerstörung und gleichzeitig der kreation und  re-kreation.

 

Und weiter ist da die besondere materialität der analogen übermalung, in meinem fall edding und lackfarben: die glatte und glänzende oberfläche des fotos und die grobe, reliefartige struktur der lackfarben ergeben immer einen besonderen reiz. Oder ölkreide und acryl auf fotokopien.

 

Und schließlich sind übermalungen für mich eine umgekehrte spurensuche, wie ich sie auch rein fotografisch in den graffity- oder stadtgeschichten-arbeiten oder zuletzt in den pseudo-lascaux-bildern betreibe.

 

Ein prozess der form-und sinnfindung durch immer neue schichten der übermalung, überlagerung, des verdeckens und hervorhebens, der reduktion und abstraktion. Ein prozess der weitgehend freien und kontrollierten entfaltung und gestaltung. Der schrittweisen verdichtung.

 

Meine  übermalungen sind ursprünglich durch zufall und mehr oder weniger als abfallprodukt entstanden: mehrere filme mit fotos von bärlauchmeeren im frühjahrslicht brachten ein paar nette bildchen, waren als fotos aber nicht brauchbar.

 

ich kritzelte auf den verunglückten fotos mit schwarzem edding herum, nahm strukturen auf, verstärkte eine linie, strich andere formen weg. nach einiger zeit entwickelte sich ein zwiegespräch zwischen bärlauchbildern und dem edding, schälten sich formen und figuren heraus, nahm eine eigene bildersprache gestalt an.

Später habe ich mit fotos von rostcontainern, steinen oder eben rebstöcken gearbeitet. die prometheus-fotos entstanden 2008 in niederösterreich. Die übermalungen 2 – 3 jahre später.

 

danke DereL für die zusammenarbeit & deine freundschaft

 

w.marin 23.05.2020

 

 



Kommentare: 7
  • #7

    terézia3 (Dienstag, 26 Mai 2020 22:49)

    Durch Marin in die Bucht gelockt stehe ich noch ein wenig unsicher am Rande und schaue staunend auf die Ein- und Übermalungen. 'Man sieht nur, was man weiss!' Trifft für mich in diesem Fall zu. Ich bin jedenfalls dankbar für die ausführlichen Texte zu den Bildern, mit denen ich mich gut einfühlen kann. Die Beziehung beider Serien zueinander drängt sich auf bei gleichzeitiger so hart unterschiedlicher Bildsprache. Das Stilmittel der Bemalung von Fotos finde ich zudem äußerst anregend und erweitert meine Sichtweise auf Fotokunst. Schon dafür hat sich der Weg in die Bucht gelohnt.
    Danke! Terézia

  • #6

    Claudine (Dienstag, 26 Mai 2020 21:44)

    Eine interessante Idee und sehr kreativ. Sich durch eine andere Arbeit so inspirieren zu können ist wirklich toll. Finde die Bilder zum Teil sehr witzig in Andeutung der Skizzierung der Stühle zum Beispiel oder der versperrte Durchgang. Eigentlich heisst es für mich die Gedanken sind frei was du daraus machst ist deine Sache.
    Die übermalten Holzskulpturen hingegen sind für mich sehr leidend. Wahrscheinlich sehr treffend für einen kranken Menschen. Der Mensch ist wirklich gefangen in seinem Leid.
    So ist es wohl im Leben ein Auf und Ab. Herzliche Grüsse

  • #5

    w.marin (Dienstag, 26 Mai 2020 18:44)

    danke ana, anke und lucius für die tollen kommentare. in dem fall trifft´s nun wirklich zu: qualität vor quantität. aber eure kommentare sind für mich nun wirklich sehr wertvoll: weil es genau der ideale fall ist für die freinds´ bay und wenn jemand sich auf bilder/seh-weisen einlässt. was dann im dialog herauskommen kann: also dialog der bilder (DereL und ich und unsere texte) und dialog dann mit anderen. also nicht nur beifall und bestätigung: das ist ja auch nicht unwichtig. aber viel mehr: erkenntnisse, inspiration, impulse durch andere sicht-weisen. und das geht ja dann weit über die freude an schönen bildern hinaus! in unserem fall habe ich erst im gegenüber mit DereLs bilder gemerkt, was mein prometheus eigentlich bedeutet: dass es ja die christusfigur ist, der für seine wohltaten (unser freund unter den göttern), dafür, dass er uns erst zu menschen gemacht hat, also menschen im aufgeklärten sinn, dass er genau dafür so teuflisch bestraft wird und jeden tag höllenqualen erleiden muss. in DereLs bildern und bei mir sehe ich das gleiche unerträgliche leiden; die enorme intensität der bilder kommt vom sujet her. ich würde auch nicht sagen, dass DereLs bilder abstrakter wären. sie sind stark reduziert; das hat mich sofort an ihnen fasziniert: diesen ungeheuren schmerz, den sie vermitteln. der ist in meinen ünbermalungen in der "expressiven geste" (der ausdruck stammt von DereL in einem andern zusammenhang. insofern hat sich im nachhinein EIN thema herausgestellt (das war weder abgesprochen noch beabsichtigt).
    ich finde dieses gegenüber auch im nachhinein ganz toll und schön weil es ermöglicht, um nochmal DereL zu zitieren "in der Gegenüberstellung genauer über den eigenen Tellerrand zu schauen, Neues zu entdecken, aber mich auch wieder konkreter mit meinen eigenen Fotos auseinanderzusetzen".
    man könnte das doch fortsetzen: für vorschläge, impulse, ideen bin ich sehr dankbar.
    danke und herzliche grüße ana, anke und lucius + DereL
    werner

  • #4

    Lucius Sombre (Montag, 25 Mai 2020 17:17)

    Lieber Werner, lieber DereL,
    euer Projekt gefällt mir sehr gut. Allein schon die Texte mit ihrem theoretisch-konzeptionellen Anspruch sind eine Wohltat, der Reflexion wird im Allgemeinen ja sehr misstraut - als wäre Kunst nicht gerade der Ort, an dem Denken und Empfindung/Sinnlichkeit zusammentreffen.
    Dass mich einmal digitale Übermalungen faszinieren würden, hätte ich nicht gedacht. Die Trennwand/der Rahmen/die Öffnung, der zweite Stuhl, die zugemauerte Tür - sie verwandeln absolut sterile und neutrale Räume in existenzielle Räume, auch wenn niemand zu sehen ist. Zum Glück wird die Semantik nicht zur Symbolik, die Einzeichnungen legen keine Bedeutung fest, sondern öffnen eher zur Erfahrung: auch dies ist ein bewohnbarer Raum (oder er könnte es sein).
    Der Dialog mit Werners Bildern kommt zustande, weil nicht nur der gemeinsame Nenner "Übermalungen" da ist, sondern ein echter Bezug entsteht. Werners Übermalungen stellen für mich die Innenseite zur Außenseite der digitalen Übermalungen dar. Hier wird alles zur Intensität, die Empfindung arbeitet sich durch die Materialität hindurch, bis diese nicht mehr nur ein "Bild von..." ist, sondern das "Bild selbst" wird.
    Zwei Möglichkeiten werden sichtbar, um neutrale Räume zu verandeln: in einen digitalen Möglichkeitsraum oder in die Lebendigkeit des Materiellen.
    Ansonsten gefallen mir wieder einmal die Worte des Anatolischen Glühwürmchens ausgesprochen gut.
    Herzliche Grüße, Lucius

  • #3

    Anke_AJH Sonntag, 24. Mai 2020 21:30 Uhr (Sonntag, 24 Mai 2020 21:33)

    Lieber Werner, lieber DereL,

    Obwohl sehr individuelle Ansätze, strahlen die Bilder von euch beiden eine enorme emotionale Intensität aus, eine intensive Auseinandersetzung mit Schmerz, Leid, Verzweiflung, Machtlosigkeit, Krankheit und Tod, und noch vieles mehr. Gut, ein Ventil zu haben um solche Gefühle und Erlebnisse herauszulassen.

    "The Great Gig In The Sky" von Pink Floyd (Dark Side of the Moon)
    https://www.youtube.com/watch?v=UqCEPytSFqU&list=RDUqCEPytSFqU&index=1

    Viele Grüße an euch beide, Anke

  • #2

    anatolisches Glühwürmchen (Sonntag, 24 Mai 2020 16:43)

    Lieber DereL, lieber Werner,

    bei Eurem DIALOG handelt es nicht um den Austausch des LOGOS, des Wortes also ... vielleicht eher um das gemeinsame Ringen, eine ER-FAHRUNG bildlich zur Sprache zu bringen.
    Begriffe nageln Erfahrungen fest, machen einen Austausch ÜBER eine Erfahrung möglich und spalten gleichzeitig von der Erfahrung ab. In euren übermalten Bildern aber trifft einen die menschliche ERFAHRUNG unmittelbar und mit Wucht (wenn man sich auf sie einlässt!)
    Die Worte zu deinen Bildern, lieber DereL erhalten Ihren Bedeutungsgehalt durch die Bilder!

    Die Ab-Lichtung des Gesehenen geschieht in der Fotografie durch eine Maschine, die Kamera. Aber natürlich flicht sich der Mensch bereits im Fotografieren in das Bild ein ... (individuelle Motivwahl, Perspektive, gewählte Kameraeinstellungen ...) Doch in euren Arbeiten, wird das selbst gewählte Abgelichtete mittels der Übermalung einer weiteren Überarbeitung unterzogen und damit ein zusätzlicher Bedeutungsgehalt eingefügt. Das Ergebnis ist eine Verdichtung und Weiterführung zugleich.

    Eure BILD-SPRACHE ist grundverschieden, Außen- und Innhaut einer Erfahrung, so scheint mir.

    Wenn ich deine Bilder sehe, lieber DereL, summieren sich all meine Erfahrungen mit Krankenhäusern: der Geruch, die Sterilität, das kalte Licht, die Funktionsmöblierung, das Gefühl des Ausgeliefert-Seins, der Angst, der Einsamkeit, das Schwanken zwischen Hoffnung und Verzweiflung, das Wissen um die Verletzlichkeit und Endlichkeit des Seins.
    Deine Übermalungen treffen mich wie Gedankensplitter: der Blick über die Stühle hinweg zum Mülleimer; die "ausradierten" Stühle; die Tür, die schon längst nicht mehr offen ist. Splitter die schmerzen, ... die von der sonst so gut funktionierenden Verdrängung nicht aufgehalten werden können. Die Bilder gehen unter die Haut.

    Und unter der Haut leben Werners Bilder, wild tobt der Schmerz, chaotisch preschen Gedanken und Gefühle durch Hirn, Eingeweide und Knochen. Der Körper und seine Kehrseite, die Seele, winden sich, flehen, kämpfen und ergeben sich.

    Wir werden eingetaucht
    und mit den Wassern der Sintflut gewaschen
    Wir werden durchnässt
    bis auf die Herzhaut
    ...
    schreibt HILDE DOMIN

    Vielen Dank, Euch beiden! (Und verzeiht meine vielen Worte!)
    Ana

  • #1

    DereL (Samstag, 23 Mai 2020 10:55)

    Herzlichen Dank Dir, Werner, für die Einladung, hier in der Bucht einen intensiveren, freundschaftlichen Dialog über Fotokonzepte zu führen. Dieser Dialog erlaubt es mir, in der Gegenüberstellung genauer über den eigenen Tellerrand zu schauen, Neues zu entdecken, aber mich auch wieder konkreter mit meinen eigenen Fotos auseinanderzusetzen. Würde mich freuen, wenn es nicht bei diesem Dialog bleibt und sich noch andere an dem Gespräch in der Bucht beteiligen.
    DereL