miesbach, 26.dezember 2025

weihnachten- diesmal in weiß. wenn man aus der stadt herausgeht, sieht man traumlandschaften: bizzarre, von frost und schnee umrahmte baumstrukturen, äste, wiesen. alles wunderbar anzusehen, erst recht, weil es noch nicht zu viel schnee ist und die darunter liegenden baum- oder landschaftsstrukturen noch kontouren zeigen.

vor ein paar tagen, als noch kein schnee gefallen war, noch einmal ein kleines shooting auf der gefängniswiese für die merian-serie, also nochmal frostäste, frostgras, frostblätter. 

die ersten merianbilder vor ein paar tagen waren eine entdeckung wie damals die bärlauchfotos oder die straßenbilder. die eigentlichen fotos nett, aber belanglos. also zweit-verwertung. also ab  auf die spielwiese, ab ins versuchslabor. und siehe da, plötzlich- und je länger man spielt und probiert, desto tollere möglichkeiten entdeckt man-, entstehen feine zeichnungen, malereien, spannende bilder.

ein bilderfreund kommentierte vor kurzem das erste merian-bild, das ich in die fotocommunity gestellt hatte: normalerweise kommentiere er solche bilder nicht- in dem fall aber rechtfertige die erzielte wirkung die digitale bearbeitung!

mon dieu! sancta semplicitas. als ob echtfotos noch ein qualitätsmerkal wären. als ob es das genie des künstlers wäre, nur einen blick auf die dinge zu werfen- in der hoffnung, einen spannenden ausschnitt, ein  interessantes material zu finden. und das wäre es dann! als ob einem in der musik die noten/töne nur so zufliegen würden.



augsburg, 21.dezember 2025

gestern wie jedes jahr wieder in der großen schwäbischen kunstausstellung. diesmal seitenverkehrt in den räumen- allerdings ist dort das licht schlechter. auffällig diesmal: wenig richtig überzeugende arbeiten; stattdessen viel effekt hascherei. auffällig auch: einige künstler scheinen eine dauerkarte zu haben- habe bisher noch keine ausstellung ohne die bilder von eva kammer gesehen, oder von lois rinner, zum beispiel.

toll: "ani male i-v" eine instellation von monika maria schultes: 5 tierprotraits in acryl und lackstift auf papiertüten. und nina zeilhofer, behütete räume: 5 materialdruckmonotypien.

 

 



miesbach, 4. dezember 2025

galerie freitag: ende gelände. am ende doch ganz schön geworden, trotz starker zweifel und geburtswehen am anfang des jahres. und eine lehrreiche erfahrung in vielerlei hinsicht:

-austausch, intensive anschauung/auseinandersetzung mit anderen bildern: 100/100

-sammlung interessanter bilder: 100/100

-kontakt: 60/40. unter den 60% positiven erfahrungen: einige großartige bilderkünstler/innen; nicht nur ein paar spannende bilder, sondern auch spannende persönlichkeiten. unter den 40% negativ: paar schicke bilder, aber dahinter ziemlich seltsame oder verschrobene typen.

aber gut, so ist es eben- in der galerie freitag wie im wirklichen leben.

 

mangels ideen für neue projekte oder konzeptionelle arbeiten wäre möglich eine pause, besser noch: eine kreative pause. aber der tagesbefehl lautet: fingerübungen, zwischenarbeiten ... am ball bleiben.

dazu in den letzten wochen die blau serie.

heute beim morgendlichen spaziergang mit nelly in der wies: starker nebel, leichter frost- die fantastischen und bizzarren formen von gräsern, verdorrten blättern, getrockneten blütendolden.

also schneller rückzug, zuhause die kamera eingepackt und seit jahren bin ich wieder auf der (subtilen) jagd nach floralen bildern. warum nicht. davon abgesehen habe ich mich im augenblick auch etwas abgesehen an urbanen und abstrakten formen. 

 



miesbach, 20.november 2025

ich dachte zuerst, ich würde emmanuel carrère kennen. aber der schriftsteller, den ich vor langer zeit einmal übersetzen wollte, hieß carrière, jean carrière. jetzt also emmanuell carrère, über dessen neuestes buch "kolkhoze" ich vor kurzem eine enthousiastische rezension in der sz gelesen hatte.

"kolkhoze" ist ganz neu und bei medimops gibt es alles von emmanuel carrère, aber eben nicht "kolkhoze". ich bestelle ein paar andere bücher von e.carrère, darunter auch "yoga", es kostet nur, obschon  noch nicht vor allzulanger zeit erschienen und als hard cover, nur ein paar euro. 

die große erwartung, wenn ich ein neues buch öffne, erst recht, wenn mir der autor noch unbekannt ist. der so entscheidende erste satz, die erste seite...

ich schlage also "yoga" auf und und noch bevor ich zur ersten seite komme: auf dem schwarzen vorsatzblatt eine überraschung: ein gelbes post-it , darauf "andrea". das buch hat keinerlei gebrauchsspuren, es scheint ganz neu und ungelesen zu sein. woher kommt dieses post-it und was hat es zu bedeuten? wer ist andrea? war es für andrea bestimmt- als geschenk, als rezensionsexemplar? gab es neben andrea noch andere, die mit dem oder einem anderen buch beschenkt werden sollten, also mehrere bücher, die darauf warten, eingepackt und verschenkt zu werden- und "yoga" dann eben für andrea?? oder sollte andrea das buch empfohlen werden? 

oder war es ein geschenk von andrea an jemanden, der öfter bücher geschenkt bekommt und der- im augenblick- noch keine zeit hatte, den großzügigen schenker und das datum schön mit bleistift oder füller in das buch zu schreiben???

aber mehr als die antworten auf diese und andere fragen ist es der raum für spekultationen, das mysterium, das dieses kleine zettelchen in diesem buch  für mich  eröffnet.

und dann noch eines und noch bevor ich zu dem so entscheidenden ersten satz komme: das motto: ein zitat aus einem apokryphen evangelium nach johannes:

"wenn du hervorbringst, was in dir ist, wird das, was in dir ist, dich retten. wenn du nicht hervorbringst, was in dir ist, wird das, was du nicht hervorgebracht haben wirst, dich töten":

eine großartig beschreibung jeder künstlerischen arbeit. 

und eine großartige eröffnung, vor-spannung, erwartung für ein neues buch, dessen thema mich an sich bisher wenig interessiert hat. 

und dann wird dieses buch zu einem der besten und interessantesten bücher, die ich in letzter zeit gelesen habe. ein buch, das einem eine große erfahrung vermittelt.



miesbach, 19. oktober 2025

zurück aus dänemark und dolomiten in der bilderbucht.

arbeit an der galerie freitag. der november-beitrag ist fertig und dezember ist auch sicher. ob es nächstes jahr weitergeht? ich weiß es nicht. wenn ja, anders als die letzten zwei jahre. mehr bild, weniger text. stiller mit seiner serie "bildstörung" für den november bringt mich auf die idee, serien statt einzelbilder zu machen, konzeptionelle arbeiten, verzicht auf die produkte der fc-heinis. eine große bilderfreundin schreibt mir: so viele schöne bilder in der fc; aber tot langweilig. wie recht sie hat! dabei gibt es nichts gegen schöne bilder zu sagen. es ist gut, wenn viele menschen fotografieren, sich an natur, architektur oder straßenszenen erfreuen und dabei schöne oder kunstvolle bilder machen.

aber einzelbilder haben mich noch nie besonders interessiert.

 

ansonsten wenig fotografisches in den letzten wochen, aber dann doch dies: die fc schickt mir eine mail, ich soll mich freuen, weil mein bild "farbraum grün", das ich erst ein paar tage zuvor eingestellt hatte, um auf den oktober-beitrag in der galerie freitag aufmerksam zu machen- weil dieses bild am 6.oktober auf der startseite der fotocommunity zu sehen sein wird! von 00.00 bis 02.00 uhr!!! ich freue mich wirklich, weil zuletzt vor ein paar monaten meinem "farbraum rot" -bild eine solche ehre zuteil wurde- also nicht nur purer algorithmus bei der auswahl eine rolle spielen kann.

aber. von 00.00 bis 02.00??? mein schönes farbraum-bild füllstoff fürs nachtprogamm. das nun doch nicht. ich will also dankend ablehnen. dafür gibt es einen button mit link. aber man kann nicht einmal ein wort des bedauerns oder dankes dazu sagen. es wird hingenommen, wie die zustimmung oder ablehnung von cookies.

aber. wenige augenblicke später erhalte ich erneut eine mail der großen fc: mein bild "farbraum grün" kann leider aus technischen gründen am soundsovielten nicht auf der startseite der fc erscheinen!!!!!!

honni soit qui mal y pense.

stiller, bildstörung



ebeltoft/ dk, 21.september 2025

septemberanfang am kalvehavn hoch über der bucht. starker wind und wolken über der ostsee.

ebeltoft, haben wir erfahren, heißt so viel wie "ein haufen äpfel". wie schön!: weil hier ringsum ein regelrechtes apfelparadies. apfelernte: apple-mania: kompott, apfelkuchen, apfelcrumble... ich werde noch äpfel fotografieren müssen.

elsegarden, souvenir de blushoj-strand. vor 25 jahren die letzte etappe eines großen sommers  damals: nymindegab und die strandgutbilder, herning: carl-henning pedersen museum- cobra und die paris-suite und am ende blushoj, der "gnom von belleville" und den "alten mann und das bild" fertig. ein schreibfluss wie im traum. ch. musste mich immer antreiben, endlich mit der kritzelei aufzuhören. der flow hielt an: zuhause dann die erste ernsthafte fotoarbeit: "die große reise" und  in den nächsten 2 jahren die anderen erzählungen der "alten männer".

long time ago. jetzt am oktober-beitrag für die galerie freitag. blau-bilder und wie sich der architektonische raum in einen bildraum verwandelt. mein großes thema: verwandlung im bild.

lektüre: gaito gasdanow, das phantom des alexander wolf, das mir mcm empfohlen hatte, tolles buch, feine sprache, feine psychologie- unaufdringlich. eine "federnde und präzise" sprache, wie es einmal im buch heißt.

 



augsburg, 25.august 2025

sommer in augsburg, fast den ganzen august hier. gute gelegenheit, sich wieder mehr den bildern zu widmen.

inzwischen die mensch-serie fertig. mit einem vii. kapitel- das war mir wichtig, ich wollte nicht mit vi. aufhören. es hat sich gut ergeben, dass ich auch anfang august hier war, als das friedensfest stattfand. ich hatte mir für die mensch-serie ursprünglich auch ein kapitel beseelten, enthousiastischen, feiernden menschengesichtern vorgestellt, etwa oktoberfest oder ähnliches. nach den fan-bildern schien mir das aber nur eine leicht veränderte variante.die von frieden sommer sonne geseelten menschen an der großen friedenstafel aber sind etwas anderes, bringen nochmal eine andere note  ins spiel. die unerträgliche leichtigkeit des friedens- während die kriege und krisenherde auf der ganzen welt rapide zunehmen.

jetzt fotografisch leer. keine ahnung, was als nächtes kommt.



miesbach, 2 juli 2025

die kamera mit dem motorrad vertauscht, statt foto- moto-tour in den französischen alpen: route des grandes alpes. welch ein schöner, viel versprechender name. magische, weil von der tour de france bekannte namen wie: col d´iséran, col du galibier. und im unterschied zu den bewundernswerten rennrad-fahren, die sich hier in scharen die steilen pässe hinaufquälen, mein programm dagegen entspannter, nur: fahren, fahren schauen, staunen, fahren...

zuhause dann am juli-beitrag mit den street bildern. kurz vor schluss kam mark sprenger, dessen blau-bild ich von anfang an so gern gehabt hätte und von dem ich dann wochen lang nichts mehr hörte, doch noch dazu. schön auch der wieder-belebte kontakt mit dotroom in berlin, der mich auf einige interessante street-fotografen aufmerksam machte. 

die "mensch" reihe: eine neues, vllt. das letzte kapitel dieser geschichte gestern fertig: titel: zu schauen: voyeurismus, sensationsgeilheit, gleichgültigkeit. alles wahrhaftig "randzonen" unseres menschseins. in diesen tagenz.b.: keine nachrichten, ohne den rummel um mr. bezos, einen der großen oberhäuptlinge des turbo-kapitalismus, der sich für seine hochzeit halb venedig kaufte. zuckerbaby und musk müssen dann wohl für ihren nächsten event rom + vatikan oder noch besser: moskau mitsamt dem kreml kaufen. letzteres eine wirklich schöne vorstellung.

 

 



passau,13.mai 2025

foto-moto-tour in der 3-flüsse-stadt. 2 tage shooting mit mcm. ich hatte mir das ganze unternehmen fotografisch eher schwierig vorgestellt: diese pitorresken hotspots, viel barock, viel kirche, viel pastell. enge gassen mit wenig perspektive. aber vielleicht ist gerade das ja die herausforderung.

am ende aber ist es dann viel einfacher. bilderbuchwetter. bilderbuchhimmel. viel leuchtendes blau zu den pastellfassaden. das shooting am ersten nachmittag eine annäherung, spurensuche. motive deuten sich an, möglichkeiten.

ich hatte mir vorgenommen: barock, vielleicht ein paar fassaden- aber nichts pittoreskes, kein pastell, keine anheimelnden gassen. aber man kommt auch um die gassen nicht umhin in passau, genausowenig um pastell. dann zeichnen sich auch bald immer wieder möglichkeiten ab, an die man vorher nicht gedacht hatte, etwa barocke formen oder linien im detail, fassaden mit viel himmel usw.

schließlich kommen doch ein paar ganz gute bilder heraus.

vielleicht fahre ich bald nochmal nach passau.


MCM



miesbach, 8.mai 2025

armistice. vor 4 jahren hatte mir die fc pünktlich zum jahrestag der befreiung-  in frankreich ein großer feiertag-  ein stundenfoto für meine homage an blauweissrot spendiert.

heute feiert man 80 jahre nach der befreiung und man hat sich hier darauf geeinigt, der opfer zu gedenken (allein in der sovjetunion 24 millionen!). russische politiker dürfen nicht mitgedenken, weil russland nun seit 3 jahren einen völkerrechtswidrigen (wie man immer wieder betont- als ob es einen völkerrechtsgemäßen angriffskrieg gäbe) angriffskrieg gegen die ukraine führt. 80 jahre: das bedeutet auch 80 jahre frieden und wohlstand hierzulande. das ist eine lange zeit, so lang, dass meine generation und die folgenden noch nie not, hunger und krieg erlebt haben. eine lange zeit, da kann man auch schon leicht vergessen, was faschismus, nationalismus und krieg bedeuten. inzwischen sind es hier mehr als 20 %, die das hier vergessen haben oder vergessen wollen.

vor kurzem habe ich ein anderes blauweissrot-bild gemacht: diesmal etwas anders. und weil heute der 8. mai und also ein tag der befreiung und des gedenkens an die opfer ist, soll es hier auch stehen.

 

 

im stadion

meine "ich bin ein mensch"-serie hat mich nun endlich ins stadion geführt. fc augsburg gegen holstein kiel am letzten sonntag. sportlich ein ziemlicher reinfall (kiel führte nach 50 minuten 3:0!), für die serie war es ein wichtiger schritt und ich hoffe, damit dem kapitel: massenhaftes glück- ein stück näher zu kommen.

allerdings war es nicht nur wg. der niederlage schwere arbeit.

was für ein stress, wenn die massen zum eingang strömen und dort leibesvisitiert werden, wenn diese massen in der pause auf die toiletten und zu den imbisstuben stürmen, was für ein infernalischer lärm für eineinhalb stunden: zu dem getrommel, zu dem gekreische und geschrei und den fangesängen kommen noch die stadionlautsprecher, die wohl für schwerhörige konzipiert wurden. schwer erträglich ist schießlich für normalempfindsame menschen auch die massenhysterie, die bereits beginnt, wen man das stadiongelände betritt. das alles ist wirklich kein spass und ich bedaure aufrichtig alle dauerkartenbesitzer, fans, und angehörige von fans, die regelmäßig mit ins stadion geschleppt werden.

 

 



miesbach, 18.märz 2025

frühlingserwachen. anfang des monats ein kleiner ausflug an den bodensee. 2 tage Konstanz: ähnliche atmosphäre, ähnlicher charme wie Freiburg. das allemannische. der große see im weichen frühlingslicht, die großen berge sehr weiß, an der uferpromande die vielen leute, die sich an der sonne laben.

die insel reichenau: ein einziges gewächshaus, landschaft mit plastik überzogen. ich verstehe nicht ganz, worin der touristische charme dieser insel bestehen soll- außer in dem wunderbaren münster und den anderen kirchen.

minimalismus. ich leiste mir manchmal kleine fluchten in reduzierte regionen. aber eigentlich bin ich nicht für diese sphären gemacht: zu viel barockes in meinem temperament, zu viel lust an vielen farben. um so mehr liebe ich minimalistische arbeiten anderer. und v.a. in der fotografie.

 

 

 

 

 

 

 

***

 

ganz anders und wahrscheinlich das genaue gegenteil zum minimalismus: Prousts recherche. Sein stil, seine methode: diese unglaubliche genauigkeit in der beschreibung- aber eigentlich ist es gar keine beschreibung: es geht ja nicht um die weißdornhecken am rand von swanns park oder den kirchturm von saint hilaire in combray, deren beschreibung er ganze seiten widmet. der eigentliche sinn dieser fast manischen genauigkeit liegt ja darin, dass er vesucht, dadurch zu den dingen: gerüchen, landschaften, menschen, möbeln, meinungen ... vorzudringen und sie so zu "reanimieren", sie so aus dem dunkel der zeit und der erinnerung heraus zu reißen.

welch ungeheures unternehmen die ganze recherche, diese gigantische, heroische erinnerungsarbeit, imagination, fantasie, schreibarbeit. man kann sich das als normaler mensch, auch als weitgehend normaler künstler kaum vorstellen. wahrscheinlich konnnte Proust selbst es sich auch nicht vorstellen, obwohl er ja das ende, die letzte seite der recherche schon gleich am anfang geschrieben haben soll.

lektüre-erfahrung: manchmal langeweile, ennui, oft dagegen begeisterung und bewunderung. das gefühl, in und mit der lektüre bereichert zu werden, eine andere wirklichkeit zu erfahren, anders nicht, weil sie fiktiv ist, sondern anders, weil die dinge plötzlich so viel vielschichtiger, reichhaltiger erscheinen. das staunen, wie großartig die welt, bzw. unsere wahrnehmung der welt sein kann.



miesbach, 24.februar 2025

der tag danach. nach der bundestagswahl. erschrecke immer wieder, wie viel politische macht die nazi-köpfe sich bereits  erschlichen haben. im nächsten gedanken aber noch viel mehr, dass es so viele leute, so viele liebe mit-bürger gibt, die ihre stimme solchen hasardeuren, revenants und ganoven anvertrauen.

tag danach aber auch in ein einem anderen sinn. eine erfahrung, die mir fast schon verloren schien. auf dem rückweg vom wahllokal vorbei an der baustelle am warmbad. eine bereits mit schaumplatten gedämmte betonwand, darüber im parrterre dunkelbraune schaltafeln, vor denen noch etwa 30 cm hoch armiereisen aus der betonwand standen. ein blickfang: die rostigen eisengitter vor den schaltafeln, auf denen bei längerem hinsehen linien, zeichen, micro-malereien wahrscheinlich von kleberesten erschienen. schön. ich blieb lange stehen, suchte nach weiteren ausschnitten, entdeckte andere formationen. objets trouvés im vorbeigehen, ein glücklicher augenblick an einem tristen, wolkenverhangenen tag.

ich halte diesen augenblick, diese fast schon verloren geglaubte erfahrung- weil ich inzwischen meist mit einem bestimmten ziel, einer klaren absicht oder dem projekt einer neuen serie mit der kamera unterwegs bin- erst jetzt fest, nachdem ich bei der lektüre auf folgende stelle stoße.

Alors, bien en dehors de toutes ces occupations littéraires et ne s´y rattachant en rien, tout d´un coup un toit, un reflet de soleil sur une pierre,   l´odeur d´un chemin me faisaient arreter par un plaisir particulier qu´ils me donnaient, et aussi parce qu´ils avaient l´air de cacher, au-delà de ce que je voyais, quelque chose qu´ils invitaient à venir prendre et que malgré mes efforts je n´arrivais pas à découvrir.

sind es nicht diese entdeckungen, der plötzliche ruf der dinge, bestimmter bilder am wegrand oder genau dort, wo man sie nicht erwartet hätte- die mich von anfang an an der fotografie fasziniert haben? dinge, die man sonst nicht sieht, übersieht, oder die man erst durch die genaue betrachtung, mit und durch die kamera sehen kann.

weiter bei Proust:

Certes ce n´étaient pas des impressions  de ce genre qui pouvaient me rendre l´espérance que j´avais perdue de pouvoir etre un jour  écrivain ou poète, car elles étaient toujours liées à un objet particulier dépourvu de valeur intellectuelle et ne se rapportant à aucune vérité abstraite. Mais du moins elles me donnaient un plaisir irraisonné, l´illusion d´une sort de fécondité et par là me distrayaient  de l´ ennui, du sentiment de mon impuissance que j´avais éprouvés chaque fois que j´avais cherché un sujet philosophique pour une grande oeuvre littéraire. (Du coté de chez Swann, 178f)

die überraschende analogie zu meinem fund an dem trüben nachwahltag: dass diese großartige beschreibung des poetischen motors, der künstlerischen ent-deckung an einer stelle auftaucht, wo man das buch nach einer typisch proustschen endlos erscheinenden beschreibung oder reflexion am liebsten weglegen möchte!



miesbach, 16.februar 2025

wieder einmal in schlaflosen nacht-pausen die frage, ob und zu welchem zweck man noch fotos machen soll in diesen zeiten. fragen mit sehr stark negativem drall.

wenn überhaupt noch, so flüstert es in der nacht, dann

-außergewöhnliche bilder

-kämpferische bilder

-verrückte bilder

-bilder gegen die un- und übermenschen, drecksäcke der macht

-...

nun mache ich zur zeit ohnehin keine bilder, vielleicht vergeht mir vor diesem hintergrund auch immer mehr die lust.

obwohl das nun auch keine haltbare lösung wäre: was sind das für zeiten, wo ein harmloses bild in schönen farben eine lüge ist? ...



miesbach, 30.jan.2025

jahresbeginn fotomäßig verhalten. zumindest was neue bilder betrifft.

aber immerhin: die galerie freitag geht, nach längeren geburtswehen, weiter. eigentlich sollte mein engel der geschichte mit plenis illusions-engel erscheinen- aber dessen botschaft blieb bis kurz vor redaktionsschluss aus. zum glück flog mir ein anderer engel zu.

jetzt im ferbruar also tierglück mit helmas glücklicher katze und nomans menschlichem hund.

immerhin auch: ein weiteres kapitel für die mensch serie, für die ich die fotostrecke an der miesbacher eissporthalle verwenden konnte. glückliche trouvaille: authentischer als bei diesen fröhlichen botschaftern des miesbacher lebens und ihrer hoffnungsfrohen message: "mirhelfnzam" geht es wohl kaum.

die kritik hält sich vornehm zurück, das echo auch von befreundeten bildermachern gleich null. aber es ist auch nicht verwunderlich. man müsste ja mehrere bilder ansehen, siemit dem konzept ansehen und sich dann einen augenblick damit auseinandersetzen, ob das bild hält, was das konzept verspricht etc. das ist natürlich für die click und like bilderfreunde zuviel verlagt.

also nicht verzagen und eigentlich weiß ich es ja schon seit langem, wie die maschine der "sozialen" medien funktioniert.

tröstende worte dazu auch heute zufällig bei der guten natalia ginzburg:

wenn man dem weiteren schicksal unseres werks eine übergroße und essentielle bedutung beimisst, dann zeigt das, dass es uns an der wahren liebe zu unserem werk mangelt. wenn wir es wirklich geliebt haben und es lieben, dann wissen wir, dass das, was ihm widerfährt, sein weiterer verlauf und sein schicksal, sei es unverständnis oder gunst, nur eine nebensächliche bedeutung haben, wie es für einen fluss oder eine wolke völlig gleichgültig ist, welche landschaften oder bäume ihnen auf ihrem weg begegnen.

bologna, pinacoteca nazionale. meisterwerke des 15. jahrhunderts. ich staune pflichtschuldig über die meisterschaft dieser "frühen" malerei. das bild der maria: die mädchengesichter mit der bleichen haut, der blick meist leer oder nach innen gewandt. einige meister treiben die unschuld der jungfrau auf die spitze und verleihen ihr die züges eines kindes. aber dann ein bild, das ganz aus der reihe fällt. eine maria, die plötzlich so fraulich, sinnlich, fast leidenschaftlich erscheint. auch die farben sind ganz anders: leuchtend das rot ihrer lippen und das lila kleid. ich frage mich, woher der maestro della pala dei muratori die inspiration und den mut für diese ganz andereund völlig aus der zeit fallende  darstellung der maria hernahm?