volker hilarius (groß-umstadt)

rot (cottbus) & grün

ROT

 

Seit der Streitschrift „Ornament und Verbrechen“ von Adolf Loos in Wien im Jahre 1908 wendet sich die Architektur von Verzierungen und Ornamenten ab. Der Jugendstil sollte das letzte Aufbäumen der Ornamentik am Bau sein. Danach gab und gibt es nur weiße Quader und Vierecke. So die einfache Sicht. Und wie immer ist es nicht so einfach. Schon beim Protagonisten der Bauhausarchitektur Walter Gropius stand im Raum, dass seine weißen Kuben selbst der Zierrat des Baus sind, folgen doch die Kuben des Bauhauses in Dessau in ihrer Form den klassischen Regeln der Harmonie.  Aha, wieder etwas gelernt: Die Verzierung ist kein funktionsloser Zusatz mehr, die Verzierung ist der Bau selbst. Was liegt näher, als sich auf die Suche zu machen. Köln, Düsseldorf oder Berlin, das war mir zu offensichtlich. Ich habe mal in Cottbus geschaut, dort, wo man es nicht gleich erwartet.

 

Cottbus hat ein wunderschönes Jugendstil-Theater. Da gibt es neben dem formvollendeten Fassaden-Zierrat auch schon eine Gebäudegrundform, die aus der Vogelperspektive selbst ein Ornament ist. Aber der Blick nach vorn und nach oben fasziniert vielmehr. Cottbus leistet sich eine Universität. Für die neugebaute Bibliothek wurde eines der führenden Schweizer Architektenbüros engagiert. Es wurde ein Gebäude mit der biologischen Grundform der Zellstruktur einer Amöbe. Das ist schon mal ein programmatisches Statement an sich. Das Gebäude hat noch einen weiteren Vorteil. Es gibt drei gleichberechtigte Fassaden. Man blickt also nur nach vorn, eine Rückseite gibt es nicht.

 

Und nach oben? Ja, genau das fotografieren wir jetzt mal.  Die Spiraltreppe im Zentrum der Bibliothek ist spektakulär in Rot gehalten und kontrastiert mit den Grundfarben, die das Gebäude im Inneren gliedern. In Signalrot nach oben, wenn das keine motivierende Aufforderung an die Studenten ist. 

 

GRÜN

 

Treppenhäuser zu fotografieren macht irgendwie süchtig. Es gibt viele und es gibt sehr unterschiedliche. Von jungfräulichem Weiß in Spiralform bis zu maroden Ecken ist alles vertreten. Und über diese Treppen erschließen sich endlose Stories zur Geschichte der Gebäude oder auch zu den Vorstellungen der Architekten.

 

Also die Fotoausrüstung gepackt und im kleinen Team auf den Weg nach Basel. In der Tasche eine Liste mit dem, was wir finden konnten. Im Hotel noch schnell einen Tourplan erstellt und vorsichtshalber nochmal auf den Istagram-Account geschaut. Baah!, da war es wieder, das Grüne.  Die Adresse hatten wir noch nicht gefunden. Vielleicht hilft die Autorin des Instagram-Bildes weiter. Schnell die Anfrage weggeschickt und noch einen Kaffee geholt. Die Antwort kam prompt, aber leider: „Ich weiß nicht mehr, hab die Adresse nicht aufgeschrieben.“ Na gut, dann bleibt das Grüne halt außen vor.

 

Nachdem wir dann bei einem Bankgebäude mit einer wunderschönen 6-etagigen weißen Spirale abgeblitzt waren, es war Wochenende und niemand da, fand ein Friseurladen unsere Aufmerksamkeit. Es war ein edler Damen-Coiffeur der gehobenen Klasse. Den Blick der Rezeptionistin vergesse ich nie, als die zwei kurzhaarigen Herren mit dicken schwarzen Fototaschen das Geschäft betraten und fragten, ob wir die Kellertreppe fotografieren dürfen. Natürlich durften wir und es war unser Glück. Ein Blick auf den daneben befindlichen Hauseingang zeigt uns, wir hatten es gefunden: Das Grüne.

 

Erwartungsfroh, denn die Eingangstüre war offen, betraten wir einen kleinen Vorraum. Zwei große Wandposter zeigten uns, was wir zu erwarten haben: Ein grünes Spiraltreppenhaus über viele Etagen. Eine Zwischentür trennte uns vom Objekt der Begierde, leider verschlossen. Schade! Wir hatten schon angefangen, die zwei Poster abzufotografieren, um einen Beweis zu haben, dass wir da waren. Da kam ein Bewohner des Hauses. Er sagte: „Sie müssen in der Woche kommen, da ist meist offen, aber es spricht nichts dagegen, wenn sie fotografieren.“ und ließ uns ein. 

 

 


Kommentare: 7
  • #7

    DereL (Freitag, 14 Februar 2020 12:14)

    Hallo w.marin,
    zu Deiner Frage "was sind wir eigentlich heute??? bitte mir sagen, wenn es jemand weiß."
    Folgt man z. B. Robin van der Akken und Timotheus Vermeulen befinden wir uns gegenwärtig in der Metamoderne. :-)
    Viele Grüße
    DereL

  • #6

    w.marin (Freitag, 14 Februar 2020 05:53)

    hier finde ich wie bei klaus rex 2 bilder, also auch 2 farben gut. unbedingt. komplementär! nicht nur was die farbe betrifft. zu jedem stück ein gegen/stück, und schon wird die wirklichkeit reich/HALTIG/er. hier also grün mit rot. gelb würde auch dazugehören und blau (aber das nur politisch- so sind die bilder aber doch auf keinen fall gemeint- wenn ich das richtig verstehe???). Also hier: rot- mit blick nach unten. ich assoziiere: nicht spd ... liebe nicht (weil die immer nach oben führt), blut: schon eher, geschichte: schon eher, also nicht eschatologie, fortschritt, sonder CORSI und RECORSI, wege ins paradies und in die hölle- das wäre dann ein eminent aktueller/politischer bezug- den allerdings volker-h sicher nicht gemeint hat, wenn ich das richtig verstehe. eher: der blick nach unten ein blick in die hölle. une saison en enfer. dante: la città dolente: ihr, die ihr hier reingeht, lasst alle hoffnung fahren.... solche dinge kommen mir bei dem rotbild in den sinn. obwohl es wahnsinnig schön ist.
    bei grün ist es anders. nicht wg. claudia roth oder hr. habeck. eher schon der daniel c-b, den ich hier ganz fest grüßen will. nein, nicht dieses grün. ehrer das der weichen hügel und der wiesen irlands, patagoniens oder hier des OBERlands (=bavaria superiore)... also paradiesische landschaften. und seltsamerweise fällt mir bei grün auch wieder dante ein: beatrice, für die seine liebe so groß ist, dass er durch die hölle geht- aber nur, weil er weiß, dass die gute beatrice oben im himmel (weil sie ja schon gestorben ist) auf ihn wartet und sie ihre hände schützend über ihn hält und ihn so auf den richtigen weg (la diritta via, franz. la ligne droite, dt. der rechte= aufrechtige= richtige weg) und damit ins paradies führen wird. also grün als farbe für die liebe und volkers bild als himmelsleiter, als aufstieg (direkt) ins paradies. wahrlich: ein schönes bild. wenn ich das recht verstehe. und damit vielen dank volker (der heitere), dass du uns diese bilder zum nach- denken in die bucht gebracht hast.
    wobei ich den herren nomann und twin o´caulin sagen möchte: für trinken ist reichlich gesorgt an der buchtbar und damengesellschaft ist auch in sichtweite!!!

    p.s. seltsam. und bei diesen gedanken fällt mir sofort die diskussion, nein, das gerede oder besser gezwitscher um DISTOPIEN ein. heute nur noch distopien. vielleicht weil man es auch so will, keine ahnung. oder weil es wirklich schon so schlimm ist. aber das war es 1789, 1848, 1918, 1945, 1953/56, 1968 oder 1998 doch auch schon. als der gut sartre noch so viel und gut redete. und dann sein schüler andre gorz: wege ins paradies!!! damals habe ich nie das wort DISTOPIE gehört. immer nur utopie. obwohl die geschichte damals auch schon zuende war: post-modern eben. was sind wir eigentlich heute??? bitte mir sagen, wenn es jemand weiß.

  • #5

    ch.monte (Freitag, 14 Februar 2020 04:25)

    Ich musste nochmal die Bilder genauer ansehen. Ich weiß nicht, dieses Grünbild hat auch noch etwas genaz ANderes. Ich kann es noch nicht ganz erfassen. Es ist auch wie ein Auge einer komischen Figur. Es gibt so einen Künstler, bei dem ich solche Figuren gesehen habe- aber natürlich fällt mir jetzt der NAme nicht ein. Und dann wäre das Licht genau im Auge der Figur. Und das Treppenhaus, das übrigens sehr schön, wirklich sehr schön ist, etwas ganz anderes. Ich kann verstehen, dass so etwas süchtig macht. Vor allem Architekkten.
    Ach so, Entschuldigung. Das seh ich jetzt erst. Entschuldigung Volker, du bist gar kein Architekt!!! Ich weiß nicht wie ich darauf gekommen bin. tut mir leid. Aber ist es wirklich so wichtig? Wenn etwas süchtig macht?
    Dein Bild, das grüne, ist jedenfalls umwerfend. Aber vllt. nur bei Frauen.
    Liebe Grüße CChristina

  • #4

    Volker Hilarius (Dienstag, 11 Februar 2020 11:59)

    Danke an W. Marin für die Aufnahme in die Bay und auch an die ersten Kommentatoren.
    Nur eine kleine Anmerkung zum Kommentar von ch.monte: Ich fotografiere zwar sehr gerne Architektur, bin aber beruflich nicht vorbelastet und kein Architekt. Ansonsten freue ich mich auch weiter über jeden Kommentar.
    Volker Hilarius

  • #3

    Klaus Rex (Sonntag, 09 Februar 2020 11:50)

    Hallo Volker , willkommen in der Bucht und diese von dir präsentierte Vielfarbigkeit hinterläßt bei mir einen Eindruck der mich zum länger verweilen einlädt .
    Architektur die du zu einem Gesamtkunstwerk komponiert hast und mit einem farbenfrohen Text versehen zieht mich sofort in seinen Bann .
    Gruß Klaus

  • #2

    ines27 (Samstag, 08 Februar 2020 18:43)

    Hallo Volker, Deine Spiralen- Bilder faszinieren und halten den Blick lange fest, saugen einen geradezu ins Bildzentrum hinein. Ein sehr schöner Ausgleich zu geraden Linien und rechten Winkeln. In der Natur und in der Architektur zeigen sie eine Eleganz, die uns alle in ihren Bann zieht: den Fotografen und den Betrachter. Die Farben gefallen mir auch sehr gut und ich finde es erstaunlich, daß Du diese zwei an verschiedenen Orten gefunden hast, um sie zu einem Diptychon :-) zu vereinen. LG Ines

  • #1

    ch.monte (Samstag, 08 Februar 2020 07:52)

    Ich möchte sagen: In dieser bucht, in der ich nun schon einige Male zu Besuch war, geht es manchmal ganz schön bunt zu!!! Man könnte sogar von einer gewissen FarbenPRACHT sprechen, nicht immer, aber oft. Etwa bei s.monreal, z.b. auch. Aber so bunt wie bei diesen hier, habe ich die Bucht-Bilder bisher nicht gefunden. Und dass dieser Beitrag von einem Architekten kommt, finde ich um so erstaunlicher. Oder auch nicht. Weil man sehen kann, wie sie bis in das letzte Detail komponiert/durchdacht sind. Und wie sie dennoch bei allem Denken und Komponieren vor Farbe und Lust an Farbe und Form sprühen??? nein, das sagt man wahrscheinlich nicht. Jedenfalls sind idese Bilder unheimlich (das meine ich ganz wörtlich) schön. Man/Frau kann da Stunden lang sitzen und sie ansehen- zum Glück gibts hier ja ein paar andere, die das auch gerne machen. Leider muss ich jetzt auch weg und noch ein paar Dinge erledigen....
    Die Texte, Herr Hilarius, haben mir auch gefallen. Sehr. Und ich freue mich, weil die Leute sehen können, dass hier nicht nur Zeltre gebaut werden!!! Obwohl das ja auch schon reichen würde, oder nicht?
    Liebe Grüße CChristina


dotroom (berlin)

der einzelgänger

 

An diesem Sonntag war ich mit meinen beiden Kindern und meiner Frau zu einem Ausflug auf dem Wannsee unterwegs. Meine Kamera hatte ich natürlich dabei. Ich bin kein Vater der nur seine Kinder fotografiert.
Das habe ich schon nicht gemacht, als meine Kinder noch gar nicht auf der Welt waren.
Der Wannsee war zugefroren. Die meisten Menschen waren in Gruppen oder in Paaren, auf Schlittschuhen, unterwegs.
Dieser Mann nicht. Er ist der Einzelgänger, in geheimer Mission.

Der Doppelgänger ist schnell erklärt.

 

Ich habe ein Foto von einer geilen Location gemacht, nur leider ohne Menschen. Da fiel mir der Einzelgänger wieder ein. Ich habe ihn in die Szene eingebunden.

 

Zwischendurch war der Einzelgänger wieder unterwegs. Er hat sich einfach nur herumgetrieben.

 

Vor mehreren Jahren hat der Einzelgänger die Relativität entdeckt.

 


Ich entscheide aus dem Bauch heraus, sowohl beim Fotografieren, als auch bei der nachträglichen Bearbeitung.
Meine Gedankensprünge lassen sich nicht immer nachvollziehen. Aber das wäre auch langweilig. Mut zur Lücke tut auch mal gut.

 

Hallo Werner, ich möchte gerne noch einen Beitrag nachreichen, der etwas mit einem Freund zu tun hat, der den Blick eines Architkten für Treppenhäuser hat

Ich würde mich freuen wenn das noch möglich ist.  Im Rahmen der Spontanität.
Ich wünsche euch einen schönen Sonntag.
Viele Grüße Marco

 


Kommentare: 3
  • #3

    Armin M. (Freitag, 21 Februar 2020 03:30)

    Oh ja, ich kenne diese Einzelgänger! Sie sind nicht nur dazu verurteilt, im Grunde immer allei zu sein, sonder auch dazu, immer unterwegs zu sein: EInzelgänger = Wanderer. Und dazu fällt mir ein schönes Gedicht ein:
    Der du von dem Himmel bist,
    Alle Freud und Schmerzen stillest,
    Den, der doppelt elend ist,
    Doppelt mit Erquickung füllest;
    Ach, ich bin des Treibens müde!
    Was soll all die Qual und Lust?
    Süßer Friede,
    Komm, ach komm in meine Brust!
    j.w.goethe, wanderers nachtlied, 1776
    oder ein anderes buch: max stirner, der einzelne und sein eigentum. darin:
    "Das Göttliche ist Gottes Sache, das Menschliche Sache des Menschen. Meine Sache ist weder das Göttliche noch das Menschliche, ist nicht das Wahre, Gute, Rechte, Freie usw., sondern allein das Meinige, und sie ist keine allgemeine, sondern ist - einzig, wie ich einzig bin. Mir geht nichts über Mich!" Das Buch, das zwischendurch verboten war, strotzt vor solchen Beschwörungen des Einzelnen, des Eigentums, des Selbstgenusses, und beinahe alle großen Denker, die es lasen, ob Schmitt (!), Steiner, Habermas, sahen sich auf gefährliches Terrain geführt. War das purer Anarchismus?" in faz net
    https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/der-einzige-und-sein-eigentum-193533.html
    aber ich weiß nicht, ob ich das gut finde, solchen radikal individualistischen anarchismus.
    aber ich weiß auch nicht, ob das dein einzelgänger ist.
    deine bilder jedenfalls sind unheimlich schön!!! alle!!!
    saluti al solitario!!!

  • #2

    Klaus Rex (Sonntag, 16 Februar 2020 20:14)

    Eine sehr gelungene Kleinserie deren roter Faden perfekt durch die Inszenierung läuft und perfekt in die Bucht passt . Die Einzelbilder überzeugen durch Ihre Sichtweisen die gekonnt eingesetzt wurde .

  • #1

    SguidoS (Samstag, 15 Februar 2020 16:39)

    Mein Empfinden für die "Einzelgänger steht im Zusammenhang mit deren offensichtlich selbst gewählter Einsamkeit. Dies ist hier auf das Vortrefflichste in den Fotos , fast zu spüren. Das ist für mich die Kunst in allen Bildern, das Umsetzen von Wiedererkennbarkeit eigener Empfindungen.
    Auf Grund dessen finde ich die Fotos ---dotroom-- als außergewöhnlich empfindsam.
    Tolles Auge für die entsprechende Umgebung die wie in den Kontext gesetzt passt.
    Gratulation und Gruß