logbuch 2022

augsburg 18.juni.2022,

nochmal nachtschicht. diesmal augsburg und diesmal richtig zu nachtschlafender zeit. wieder mit mcm.

gut eine stunde um den königsplatz, bevor es dann anfängt zu dämmern. tolles shooting mit dem blauen schiff, das wie ein illuminiertes u-boot in die nacht ragt. toller silent place auch. als die ersten trams fahren, kommt ein weißer streifen am dach dazu.

der poetische untertext: die blaue stunde, le bateau ivre:

 

Dix nuits, sans regretter l'oeil niais des falots !

 

Plus douce qu'aux enfants la chair des pommes sures,
L'eau verte pénétra ma coque de sapin

Et des taches de vins bleus et des vomissures

Me lava, dispersant gouvernail et grappin...


(zehn nächte! ich hab das blöde licht nicht vermißt.

 

 süß-grünes apfelfleisch für kinder, süßer

 drang grüner schwall in meinen kieferleib,

 blauweinbekotzt, geläutert auch von dieser

 flut, die anker und steuer- ein zeitvertreib)

[übersetzung: dieter koller]

 

bei tageslicht noch durch die altstadt flaniert. kurzes tête à

mit dem elias-holl-rathaus, der elias-holl-satdtmetzg, den wenigen renaissance-fassaden in der altstadt. bevor die ersten akteure dieser frühen morgenstunden auftreten: frühaufsteher, reinigungsmaschinen, lkw´s, die die supermärkte versorgen.

der kurze zauber ist vorbei. wir geben die stadt zurück in

untreue hände. wir machen uns auf den rückzug.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



münchen, 20.mai 2022

las vor einiger zeit einen artikel von michael krüger über das erscheinungsbild unserer großstädte. das sei, schrieb krüger, tagsüber von einer bestürzenden banalität, egal ob es sich dabei um die großen boulevards in paris, die schönen viertel in london, rom oder münchen handelt. der permanente ansturm der menschen: verkehr, konsum, tourismus etc. stehle den städten ihr gesicht, beraube sie ihrer eigenart. am ende sehen sie alle gleich aus. um eine stadt wirklich zu sehen, sie in ihrer eigenart und schönheit zu entdecken, müsse man sie entweder in der nacht oder in den frühen morgenstunden zu fuß erkunden. er sei oft, erzählt krüger, als er in rom an der villa massimo war, um mitternacht mit dem bus an die sadtgrenze gefahren und dann zu fuß nach hause gelaufen.

der gute michael krüger. le promeneur solitaire. dachte an ihn, als wir vor ein paar tagen zu einer nächtlichen exkursion aufbrachen. leider sind wir zwar früh, aber für eine entdeckung doch zu spät aufgebrochen und zudem den größten teil der strecke mit dem auto gefahren. nach einer kleinen tour bei der donnersberger brücke wurde es bereits hell.

dennoch haben wir da und wenig später am königsplatz gesehen, was es bedeutet, die stadt fast unmittelbar, in ihrem unverdeckten augenschein, unbelebt und  wie im dialog mit den straßen, plätzen und gebäuden zu erfahren. obwohl die bedingungen denkbar ungünstig waren: ein bleierner himmel, nieselregen, milchiges licht. es ist das gleiche phänomen wie bei den silent places: einmal menschenleer, gewinnen die orte ein anderes gesicht, vielleicht ihr wahres (?), auf jeden fall ihre aura zurück. und es könnte sein, dass die straßen, die fassaden, laternen oder andere dinge plötzlich zu sprechen anfangen. nicht nur, dass sie von ihrer geschichte erzählen, sie zeigen sich in ihrer formalen schönheit, geben raum für beziehungen.

ich erinnere mich nicht, ob michael krüger auch von aragons paysan de paris sprach. aber sicher hat er ihn mirgedacht, wenn er von seinen nächtlichen streifzügen durch paris erzählt.



augsburg, 23 april 2022

kleine foto-tour. weiter versuche mit doppelbelichtung.

exemplarische anekdote. im hochfeld einer dieser alten und inzwischen sehr seltenen roten kaugummiautomaten. ein zwei versuche, die roten kästen ansprechend zu inszenieren. dann fährt ein junge mit cooler sonnenbrille ins bild. vermutlich ist er der einzige besucher seit tagen. ich warte. ich kann mir kaum vorstellen, dass das, was hier angeboten wird, ihn wirklich interessiert; wahrscheinlich wird er gleich weiterfahren. ich warte. aber nein: er scheint wirklich jeden dieser kästen, also insgesamt 32, genau zu studieren. er scheint zu überlegen, zu zögern. es dauert ewig.  ich disponiere um: also dann kaugummiautomat mit jungem. später, bei der sichtung der bilder, sind die mit dem jungen viel besser als die ohne.

dann weiter richtung city.

graffitys, schriftzeichen, subtile codes: insgesamt wird es schon schwieriger, neue und interessante bilder zu finden. vieles wiederholt sich, einiges, das auf den ersten blick spannend aussieht, hat dann zu wenig potential, zu wenig spannung, vieles habe ich ähnlich schon besser gemacht.

dann aber doch wieder überraschende entdeckungen. so zum beispiel an einer fußgängerunterführung zum roten tor. hier scheinbar eine professionelle, sehr strenge gestaltung. tolle tableaus, wo die strenge geometrie, das klare graphische durch organische elemente oder schmierereien durchbrochen wird.

 



léchiagat/bretagne, 3.april 2022

erliege einmal mehr dem fatalen gedanken, ich müsste auch in der fotografie  immer zu neuen ufern aufbrechen, wiederholung als bankrott der kreativabteilung, wozu zum tausendsten mal abstrakte malbilder  oder graffitys oder wandbilder usw. 

ein gemisch aus rimbaud  (le grand dérèglement de tous les sens!!!), avantgarde-reminiszenzen, wachstumsphilosophie. immer weiter, immer besser, immer cooler.

das ist schon richtig, aber eben doch nur zum teil. neuland und die ausstellung haben mir etwas die perspektive verzerrt. ich dachte, eine etappe wäre jetzt abgschlossen und ich müsste ganz neu anfangen. adieu die schönen wandmalereien, graffitys, sensible codes, traumhafte mauerzeichen. aber nein. ich finde sie hier wieder, im finistère, völlig unerwartet, auf unverdächtigen plätzen: im hafen auf verteilerkästen, an den wänden von lagerhallen, auf verschlissenen toren, an denen ich einfach nicht vorbei komme. und ich denke, wie schön! auch zum 1000sten mal. warum sollte ich mir das entgehen lassen.

ich korrigiere also: wiederholung  UND neuland. sammler und entdecker. ein lachendes auge für das wieder-sehen von geliebten sujets und ein anderes für das neue.

wiedersehen mit der bretagne nach über 20 jahren. damals das einsame haus am meer am hang über der bucht von le vougot; jetzt das fischerhaus am rand des hafens von le guilvinec. das geschrei der möwen hier wie dort, die salzige, von trockenem tang durchdrungene luft, riesige granitbrocken im wasser und am strand, von der erosion modelliert und gestaltet zu riesiegen urzeitlichen vögeln, die weiten strände, die ständig wechselnden farben des meeres, ginster und lebensbäume hinter den dünen. hier: hafenatmosphäre in dem kleinen ort, das kommen und gehen der fischerboote, von diesel geschwängerte luft, die bunten farben der fischerboote, das geräusch der maste im wind.

 



miesbach 8.märz 2022

das unbehagen im logbuch, die crux des tagebuch-schreibers: wie viel raum der politik geben?

z.b. franz kafka, als er in sein tagebuch schreibt: heute morgen hat deutschland russland den krieg erklärt- am nachmittag schwimmschule.

also gut: vor gut 10 tagen hat vladimir putin die ukraine überfallen; so viele menschen ermordet- probleme mit der dopplbelichtung.

ich habe mir seit beginn dieses logbuchs vorgenommen, die politik und zeitgeschichte -so weit wie möglich- aus diesen seiten herauszuhalten.

ich bin kein freund des eskapismus und auch nicht des affen, der nichts hören oder sehen will- aber die bilderbucht liegt ein ganzes stück abseits des donners der panzer, der pest und der meinungsführer. und das logbuch soll der ort des nachdenkens über bilder, über probleme mit bildern und über meine gedanken und probleme mit bildern sein.

nach neuland versuche mit doppelbelichtung. neuland war anfang des jahres sehr viel versprechend; aber die suche nach neuen motiv-zonen ist sehr aufwändig.müsste eine methode finden, das gezielter anzugehen. in der zwischenzeit wenig neues.

die versuche mit doppelbeleuchtung teilweise ganz spannend.

aber es bleiben vorbehalte.

 

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miesbach, 31.jan.2022

 

ausstellung II (donner à voir)

 

besuch von qu., meinem ehemaligen schüler und malerfreund. besuch auch von ana, angelika und ernestine, meinen fotofreundinnen. es ist mir eine freude, dass sie gekommen sind, die ausstellung zu sehen, eine freude auch,  ihnen die einzelnen bilder zeigen zu können.

natürlich ist es schön, geschichten zu den bildern zu erzählen: anekdoten zu ihrer entstehung, hintergründe, bezüge zu andern bildern, andern künstlern. natürlich ist es auch für die besucher interessant, solche geschichten zu hören. auch wenn die bilder eigentlich für sich alleine sprechen, wenn alles, was dazu von mir zu sagen ist, in den bildern, in ihrer bilder- und formensprache selbst steckt und zu einem stück auch in dem kontext mit den anderen bildern, in der komposition der ausstellung.

eine führung, erst recht vom künstler selbst, ist dann allenfalls eine zugabe, eine art bonus-track.

oder vielleicht doch mehr?

ich frage mich, und ich glaube es in den gesprächen mit qu. , meinem malerfreund, und in den gesprächen mit meinen fotofreundinnen begriffen zu haben: die ausstellung selbst und auch die führung sind neben vielen anderen motiven nichts anderes als der entschiedene wille und die lust, meine bilder zu zeigen,  sie zum sehen zu bringen, oder mit den worten paul eluards: donner à voir.

vielleicht ist dieser impuls, dieses zum sehen geben wollen, einer der ältesten und ursprünglichsten der künstlerischen arbeit. eine erinnerung aus der kindheit: eines meiner ersten bilder, eine kleine malerei, ein selbstportrait nach einem foto, und wie ich es voller stolz in die küche trage, wo mein cousin mit seiner frau zu besuch ist; eine aktion, die mir das lob einbringt: ein künstler. der künstlerische wert dieser kleinen arbeit war mehr als fraglich, und auch wenn ich trotzdem einigermaßen stolz auf das bild war, so war doch klar, dass ich in erster linie mich zeigen wollte, diese andere und für mich so wichtige seite meiner person. später, und mit der entdeckung der poesie, haben sich die akzente verlagert, ist das, was ich gesehen hatte, was ich gelernt hatte zu sehen, zur haupttriebkraft meiner künstlerischen bemühungen geworden. in der lyrik, und genauso dann auch in der fotografie:

"wie schwer es war, das sehen zu lernen/wie schwer es ist zu sehen/und die lider einen spalt wach zu halten", heißt es in meinem gedicht "lehrzeit zu sehen" (1987). die welt sehen: baum, landschaft, gesellschaft, herz, schmerz, zustände, misssände, recht, unrecht, ... das alles zu sehen und dafür eine sprache zu finden, bilder zu finden. "der dichter macht sich sehend" heißt es bei rimbaud. und wenn er gesehen hat, will er es auch zeigen, aber nicht alleine zeigen oder sich zeigen, er will, was er gesehen hat, auch zum sehen bringen, er will, dass der leser den baum im regen so sieht, wie er ihn gesehen hat:  einen baum, der unendlich traurig ist und dessen äste deshalb tränen tragen (rainer kunze). oder um bei den bäumen zu bleiben:  "in den bäumen kann ich/ keine bäume mehr sehen/ die äste haben nicht die blätter,/ die sie in den wind halten" (ingeborg bachmann, entfremdung).

der dichter, sagt ingeborg bachmann in ihrer dankesrede für den preis der kriegsblinden:

"muß ihn [den schmerz], im Gegenteil, wahr­haben und noch einmal, damit wir sehen können, wahr­machen. Denn wir wollen alle sehend werden ... Wir sagen sehr einfach und richtig, wenn wir in diesen Zustand kom­men, den hellen, wehen, in dem der Schmerz fruchtbar wird: Mir sind die Augen aufge­gan­gen. Wir sagen das nicht, weil wir eine Sache oder einen Vorfall äußerlich wahrgenom­men haben, sondern weil wir begreifen, was wir doch nicht sehen können. Und das sollte die Kunst zu­wege bringen: daß uns, in diesem Sinne, die Augen aufgehen."

das ist das eine.

etwas anderes ist, ob dem anderen, dem leser oder dem betrachter des kunstwerks dann auch tatsächlich die augen aufgehen.

ich bin fest davon überzeugt, dass das in erster linie vom kunstwerks selbst, von seiner formalen qualität abhängt. von seiner fähigkeit, den betrachter oder leser zu berühren, anzugehen- um ihm dann zu vermitteln, was es ihm zum sehen geben will.

aber ein glücksfall ist es auch, wenn man als künstler unmittelbar erleben kann, dass die eigene arbeit gesehen und im besten fall verstanden, also wirklich gesehen wird.

es war mir eine freude, euch meine schätze zu zeigen, sagte ich zu meinen fotofreundinnen nachher im wirtshaus. aber neben dem stolz des erzeugers war damit vor allem gemeint: ich habe mich gefreut, euch zeigen zu können, was ich in und mit diesen bildern gesehen habe: also die stille schönheit bestimmter räume und dinge (silent places) zum beispiel oder die wunderbaren entdeckungen in graffitys oder fassadenverkleidungen mit kleberesten (dialog mit i.bachmann).

und ich danke euch für euren besuch, für die zeit und die offenen augen. danke angelika, danke ernestine und danke ana.

 


ausburg, 6.januar 2022

 

warten auf die große omicron-welle. ob sie auch die bilderbucht-ausstellung überschwemmen wird???

jetzt, nachdem die ausstellung fertig ist, kommt verstärkt die frage, wie ich fotografisch weitermache. dabei habe ich nicht das gefühl, mich neu erfinden zu müssen.  die ausstellung jetzt war ja nicht der abschluss, das resumé einer arbeitsphase! allenfalls ein zwischenbericht.

aber ich möchte auch nicht das 2000. graffity machen wollen oder das 500. abstrakte urbane bild. obwohl ich weiter gerne graffitys fotografiere oder abstrakte urbane bilder. und obwohl man natürlich immer an nur einigen wenigen bildern weiterarbeitet.

 

silent places war eine gute spur im letzten jahr, die unbedingt weiter gehen soll. ich muss aber mehr ausschau halten in anderen städten, anderen regionen: saarland vielleicht, frankfurt oder köln.

 

vor einigen wochen auch ein paar neue fotos, die vielleicht einen neuen weg versprechen: bilder gerade neu erschlossener baugebiete, in denen bereits straßen und infrastruktur realisiert sind, aber noch keine gebäude. in denen sehr drastisch der übergang von der grünen wiese zu den rändern der stadt zu sehen ist. ich habe diese bilder programmatisch "neuland" genannt. auch weil sie bisher so in meiner bildersprache nicht vorgekommen sind.